Signal für neues Wirtschaften: Integrationsfirmen

Sie werden zu Unrecht zu wenig beachtet: Integrationsfirmen bieten Menschen mit Handicaps eine Chance und versuchen neue Wege des Wirtschaftens.

„Wir passen die Arbeitsplätze an die Menschen an und nicht umgekehrt!“

Sie haben manchmal hunderte von Beschäftigten und machen Millionenumsätze, manchmal sind es kleine Betriebe mit 15-20 Leuten. Sie sind in unterschiedlichen Branchen tätig und sind oft als solche nach außen gar nicht zu erkennen: In Integrationsfirmen werden Menschen mit Handicaps im regulären ersten Arbeitsmarkt zu Marktkonditionen eingesetzt – das heißt sozialversicherungspflichtig beschäftigt und mindestens mit Mindestlohn bezahlt. Dafür bekommen Sie Zuschüsse – unter anderem vom Integrationsamt. Und die Zahlen sind beachtlich: Die zuständige Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen (BAG IF) zählte 850 Firmen mit über 24.000 Beschäftigten.

Dafür müssen Integrationsfirmen einige Bedingungen erfüllen: Zwischen 40-60% der Beschäftigten sind Menschen mit einer Behinderung Die Träger der Unternehmen sind gemeinnützig, der Gewinn fließt also nicht in die Taschen einiger Weniger. Meist werden dazu gemeinnützige GmbHs eingerichtet – wenn es Überschüsse gibt, fließen die wiederum in gemeinnützige Projekte.

Integrationsfirmen bekommen Investitionszuschüsse vom Integrationsamt und von anderen Institutionen wie der Aktion Mensch. Das Integrationsamt verteilt die Gelder, die Firmen bezahlen, die nicht so viele Menschen mit Behinderung beschäftigen, wie es vorgeschrieben ist. Die Strukturen wie die Bezirke unterstützen Integrationsfirmen als Maßnahmen zur „Eingliederung in die Gesellschaft“. Diese Zuschüsse sollen die Mehrkosten abfedern, die für die Betreuung der Mitarbeiter/-innen notwendig sind.

Unterschiedliche Branchen:

Versand von Bastelmaterial

Eine der Pionierfirmen ist der Irseer Kreis Versand, der sich auf den Vertrieb von Bastel- und Therapiematerial spezialisiert hat. Dort arbeiten vor allem Menschen mit psychischen Behinderungen. Die Firma hat mit sechs Beschäftigen in den Räumen einer psychiatrischen Klinik begonnen. Inzwischen arbeiten dort über 120 Personen und vor einigen Jahren konnte ein eigenes Gebäude in Betrieb genommen werden. Interessant: Die Erlöse gehen an einen eingetragenen Verein, der damit Wohnmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen organisiert.

Hotels

Aufgrund der anfallenden unterschiedlichen Tätigkeiten in einem Hotelbetrieb, sind solche gut geeignet für Integrationsbetriebe. Menschen mit einer Körperbehinderung können an der Rezeption arbeiten, andere im Bereich des Frühstückservices oder auch in der Zimmerpflege. Die Arbeitsplätze können gut auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Menschen angepasst werden.

Beispiele für gut arbeitende Integrationshotels sind das Seehörnle am Bodensee oder das Green-City-Hotel in Freiburg, die nach außen kaum erkennbar als Integrationsbetriebe agieren.

Tourismus

Auf den ersten Blick auch nicht als Integrationsfirma zu erkennen, ist der skywalk allgäu Naturerlebnispark in Scheidegg im Allgäu. Dort gibt es neben einem Baumwipfelpfad verschiedene Möglichkeiten der Naturerfahrung sowie ein Restaurant. Träger ist die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Augsburg.

 

Wichtig bei allen: Die Qualität muss stimmen

In allen Gesprächen zum Thema Integrationsfirma zieht sich ein roter Faden: Die Betonung auf einer hohen Qualität, die gefordert ist. Aufgrund des Status oder der Tatsache, dass Menschen mit Behinderung in einem Betrieb beschäftigt werden, resultiert kein einziger Auftrag. Am Markt können nur solche Unternehmen bestehen, die die gleichen oder bessere Leistungen anbieten – und das zu konkurrenzfähigen Preisen. Bedeutet intern: Die Geschäftsleitungen stehen ständig in einem Spagat zwischen einer wirtschaftlichen Ausrichtung und dem sozialen Zweck, den sie mit ihrem Betrieb verfolgen.

 

Auffällig: Kaum Betriebe mit Menschen mit geistiger Behinderung

Ein Blick in die Statistik bestätigt den ersten Eindruck: Integrationsfirmen arbeiten in erster Linie mit Menschen mit körperlichen Handicaps oder mit psychisch kranken Menschen. Es gibt dagegen kaum Betriebe, die mit geistig behinderten Frauen und Männern arbeiten.

 

Die Bilanz

Aus meiner Sicht können Integrationsfirmen ein Baustein für ein neues Verständnis von Wirtschaft sein. Es geht nicht in erster Linie um Profit, sondern um die Schaffung von sinnvollen und erfüllenden Arbeitsplätzen für Menschen mit Handicaps. Und wenn dabei Gewinne gemacht werden, dienen die wiederum einem gemeinnützigen Zweck.

 

Disclaimer: Auf dem Foto ist eine Fackel abgebildet, die aus einem Bastelset vom Irseer Kreis Versand gefertigt wurde.

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Jochen Mack
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