Jetzt regt euch doch endlich mal auf!

Es läuft vieles schief in der Welt: Hungerkrisen, ungerechteste Verteilung von Reichtung oder Umwelt- und Klimakatastrophen. Trotzdem leben wir weiterhin so, als wäre alles in Ordnung. Warum eigentlich?

Es ist schon seltsam: Je mehr man sich mit einem Thema beschäftigt, umso schlimmer kommt einem unsere Welt vor: 

Beispiel Textilindustrie: Nach den schlimmen Unfällen in maroden Textilfabriken vor allem in Bangladesh bei denen Tausende (!) von Näherinnen zu Tode kamen, weil die Gebäude dem Druck nicht standhielten, wurden die Bedingungen in der Produktion zum Thema. Nach allem, was man lesen kann, hat sich strukturell so gut wie nichts verändert. Die Löhne sind nach wie vor erschreckend gering und reichen kaum zum nackten Überleben und die Arbeitsbedingungen haben sich kaum verbessert. Auch die Profite der Unternehmen sind immer noch astronomisch. Adidas vermeldete einen Gewinnanstieg um 41% auf über eine Milliarde Euro. Amoncio Ortega, dem das Textilunternehmen Inditex gehört (unter anderem mit der Marke Zara), ist bei Forbes noch vor Mark Zuckerberg als viertreichster Mensch geführt – mit einem Vermögen von 71,3 Milliarden. Wer starke Nerven hat, kann sich über die „wahren Kosten“ der Textilindustrie im Dokumentarfilm „The true cost“ informieren.

Beispiel Massentierhaltung: Noch immer werden mehrere Zehntausend Tiere in Ställen eingepfercht, werden in kürzester Zeit teilweise mit Medikamenten hochgezüchtet und dann zu Dumping-Preisen auf den Markt geworfen. Das ist nicht nur für die Tiere schlimm, die unter erbärmlichen Umständen vegetieren, sondern bringt auch viele Belastungen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit mit sich. Und auch hier: Profiteure dieses Systems wie Clemens Tönnies, in dessen Betrieben im Jahr 2015 über 16 Millionen Schweine geschlachtet wurden, sitzen nicht auf einer Anklagebank, sondern als Präsidenten im VIP-Bereich eines Vereins wie Schalke 04.

Beispiel Atommüll: Die „Reste“ dieser angeblich sauberen Technologie werden uns und unsere Nachfahren noch Tausende von Jahren beschäftigen. Und schon jetzt, nach wenigen Jahrzehnten scheinen alle damit überfordert zu sein. Berichte aus der Asse lesen sich jedenfalls wie schlecht gemachte Science-Fiction-Filme. Wenn man bedenkt, dass ja die noch laufenden AKW’s in den nächsten Jahrzehnten demontiert werden und damit noch ungleich mehr strahlender Atommüll anfällt, kann einem Angst und Bange werden.

Drei Beispiele für eine Liste, die sich beliebig verlängern ließe. Sie steht für skandalöse Zustände, die einzeln aber vor allem in Summe unsere Lebensgrundlagen gefährden und im Übrigen fast immer die Ärmsten der Armen treffen und täglich neue Fluchtursachen schaffen. Zu beschreiben wären auch die Hungerkrisen im Jemen und im Osten Afrikas, eine nach wie vor steigende Klimaerwärmung, Plastik in den Meeren, Raubbau bei den sogenannten „Seltenen Erden“ oder auch steigende Überflutungsgefahr durch ständig zunehmende Versiegelung der Böden.

Und es kommt noch schlimmer: Das ist alles nichts Neues. Das kann man alles wissen und die, die es besonders gut wissen müssen, die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik, wissen das haargenau. Auch in den Medien tauchen die Themen hin und wieder auf, um dann wieder monatelang in der Versenkung zu verschwinden.

Und warum ändert sich dann nichts? Mein Eindruck: Wir, denen es gut geht, haben uns alle gut eingerichtet im Status Quo. Damit sich niemand in Frage stellen muss, schieben wir die Verantwortung munter im Kreis rum: Die Wirtschaft und Teile der Politik sehen die Konsumenten in der Pflicht. Würden wir das Richtige kaufen, würde sich schon vieles regeln. Wir kaufen zwar hin und wieder im Bio- oder Weltladen ein, haben aber die Erwartung an die Politik, die globalen Probleme anzugehen. Die Politik wird in der Regel darauf verweisen, dass ein einzelnes Land eh nichts ausrichten kann und leider auf Ebene der EU oder der  UNO nur schwer Verbesserungen erreicht werden können.

Darüber hinaus gibt es mächtige Lobbyorganisationen und Medienverbünde, die Änderungen verhindern. Dies bekamen lehrbuchmäßig die Grünen im Bundestagswahlkampf 2013 zu spüren. Aus einer harmlosen Passage im Wahlprogramm, nachdem in öffentlichen Kantinen an einem Tag pro Woche (!) auf Fleisch verzichtet werden sollte, wurde die Schlagzeile in der BILD: „Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten.“ Diese Kampagne hat gewirkt und zu einem Einbruch in der Gunst der Wählerinnen und Wähler geführt. Und sie wirkt weiter, denn es scheint, als fürchteten Grüne heute nichts mehr als in den Ruch zu kommen, irgendetwas verbieten oder irgendjemand bevormunden zu wollen.

Es stellt sich also unbestreitbar die Frage, wie Veränderungen möglich und durchsetzbar sein sollen gegen mächtige Lobbys und in einer politischen Landschaft, in der die Fragen nach diesen grundsätzlichen Krisen so gut wie nie gestellt werden, zumal dann nicht, wenn konsequenterweise auch eine Einschränkung oder besser gesagt eine Änderung unseres Lebensstils gefragt wäre.

Mir scheint am vielversprechendsten der Ansatz der Gemeinwohlökonomie von Christian Felber. Dieser fordert, dass ein Unternehmen danach bewertet wird, welche Ressourcen es verbraucht, wie es mit Mitarbeitenden und Zulieferfirmen umgeht, welche Chancen Männer und Frauen haben und welchen gesellschaftlichen Nutzen es stiftet. Und das soll sich nicht in schönen Flyern oder Broschüren widerspiegeln, sondern in der wirtschaftlichen Bilanz. Denn – so die Vorstellung: Ein Unternehmen bekommt Punkte in verschiedenen Kategorien. Und je in Relation zur Punktzahl steigt oder fällt die Steuerbelastung. Heißt übersetzt: Eine Firma, die unter schlechten Bedingungen arbeiten lässt und die sich ökologisch fragwürdig verhält bekommt wenige Punkte und zahlt viele Steuern. Wer „gut“ wirtschaftet, bekommt einen geringeren Steuersatz. Dass das nicht geschenkt ist, sieht man in der Bilanz des vorbildlichen Unternehmens vaude, das gerade mal auf 500 von 900 Punkten kommt.

Mit einer solchen Form der Besteuerung wäre endlich der Effekt beseitigt, dass eine Firma weniger verdient, die sich viel Mühe gibt mit verantwortlichen Produkten, gute Löhne zahlt und die Zulieferer nicht wie Zitronen behandelt, die man möglichst effektiv ausquetscht. Und es wäre nur noch schwer vorstellbar, dass die Familie Albrecht (ALDI) die reichsten Deutschen stellt, während eine Krankenschwester oder Erzieherin Angst vor Altersarmut haben muss.

Das würde sicher nicht alle Probleme der Welt lösen. Aber es wäre ein Ansatz, der Firmen anhalten würde, ihre Produktions- und Lieferketten zu hinterfragen. Und das geht wirklich meilenweit über die jetzt vom Bundestag beschlossenen CSR-Richtlinien hinaus, die Unternehmen zwar verpflichtet über ihre Nachhaltigkeitsstrategie zu berichten, die aber Fehlverhalten nicht sanktioniert.

Zugegeben – die weltpolitischen Vorzeichen sind gerade nicht in Richtung Gemeinwohl gestimmt. Dort wird eher der Egoismus gepflegt. Und es ist zu befürchten, dass es erst zu richtigen Katastrophen kommen muss, bevor es zu einem substantiellen Umdenken kommt. Aber so kurz vor Ostern bleibt auch die Hoffnung, dass es zu Wendungen kommt, die wir nicht erwarten. Ein erster Schritt ist schon mal wichtig: Wir sollten uns aufregen über das, was auf dieser Welt geschieht. Und zwar richtig und andere anstecken. Daraus könnte eine positive Kraft entstehen.

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Jochen Mack
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