Ernst machen mit Klimaschutz!

Nicht nur an heißen Tagen wird allerorten über Klimaschutz diskutiert oder für konkrete Maßnahmen demonstriert. Jetzt muss aber gehandelt werden. Und zwar schnell!

Vor etwas mehr als einem Jahr rief ich dazu auf, dass ihr euch kräftig aufregen sollt über die vielen skandalösen Vorgänge in unserer Gesellschaft. Der Schluss sei hier zitiert: „Aber so kurz vor Ostern bleibt auch die Hoffnung, dass es zu Wendungen kommt, die wir nicht erwarten. Ein erster Schritt ist schon mal wichtig: Wir sollten uns aufregen über das, was auf dieser Welt geschieht. Und zwar richtig und andere anstecken. Daraus könnte eine positive Kraft entstehen.“

Dass das so wirkt, hätte ich nicht erwartet. Und wie sich auf einmal alle aufgeregt haben. Nach einem sehr heißen Sommer wird wieder über Tempolimit und eine CO²-Steuer diskutiert, von Schweden schwappte die Freitags-Welle herüber, in Bayern gingen 1,8 Mio. Wahlberechtigte bei Wind und Wetter in die Rathäuser, um sich für ein Bürgerbegehren zum Thema Artenschutz einzutragen. Es wird nicht nur in kleinen Zirkeln über Ansätze wie die Postwachstumsökonomie oder die Gemeinwohlökonomie gestritten – Aufregung aller Orten also. Meine persönliche Erfahrung: Zu einer Veranstaltung der Aktion Hoffnung im beschaulichen Uhingen bei Göppingen kamen knapp 300 Leute zum Thema „Gutes Leben jenseits des Wachstums“? Niko Paech hätte unter der gleichen Überschrift vor ein paar Jahren wahrscheinlich nur 20 Leute im Nebenzimmer des Ochsen angezogen.

Es scheint also ein Rumoren zu geben, das auch ans Grundsätzliche geht. Die menschengemachte Klimaerwärmung ist jetzt nur noch unter massiver Verdrängung von Fakten zu leugnen; die Knappheit an bestimmten Rohstoffen ist nicht mehr wegzudiskutieren und die Horrorberichte von Plastikmüll im Meer machen schwindlig. Und es ist schon eine gruselige Vorstellung, dass aufwendig produzierte Kleidung direkt vom Laden in die Verbrennung wandert, weil sie nicht verkauft werden kann. Dies wird H&M angelastet, Neuware im Wert von mehreren Milliarden einfach verbrannt zu haben

Doch die Fakten sind seit langem bekannt und wurden vielfach ignoriert oder weggelächelt. Wäre Greta Thunberg vor ein paar Jahren in Sitzstreik gegangen, hätte sie sich wahrscheinlich wundgesessen, ohne dass irgendjemand darauf eingegangen wäre. Heißt also kurz gesagt: Die Informationen treffen inzwischen auf eine emotionale Befindlichkeit, die zum Handeln motiviert. Aus meiner Beobachtung hat dazu der letzte sehr heiße und sehr trockene Sommer viel  beigetragen und zum Beispiel die Wahrnehmung vieler, dass bei längeren Autofahrten ja wirklich keine Insekten mehr an den Scheiben kleben oder dass in der Natur viel weniger Schmetterlinge zu sehen sind. So schlich sich bei vielen das Gefühl ein, dass die Ökologen ja doch recht haben könnten mit ihren Grundthesen zur Bedrohung der Erde.

Dieses Gefühl hat alle befeuert, die sich für den Erhalt dieses großartigen Planeten stark machen: Greta Thunberg bekam in kürzester Zeit weltweiten Zulauf, die Grünen gewinnen eine Wahl nach der anderen und werden in Umfragen schon als stärkste Partei gehandelt und Themen bekommen Konjunktur, über die vor kurzem nur Eingeweihte nachdachten.

Es tut sich also was im Land. Das ist schon sehr erfreulich. Jetzt kommt aber der schwierigere Teil der Übung:

WIR MÜSSEN JETZT AUCH SO HANDELN!

Die Ansage lautet: Damit die Überhitzung des Planeten weniger folgenschwer ausfällt, müssen die Reduktionen von CO2 deutlich abgesenkt werden, und zwar gleich von 13 auf zwei Tonnen! Zur Einordnung: Ein Flug, sagen wir von München nach Köln wird pro Person (Hin- und Rückflug) mit 238 kg veranschlagt und würde so gleich 12% der möglichen jährlichen Ausstoß-Menge produzieren (im Vergleich dazu der ICE mit 41 kg deutlich im Vorteil). Eine Reise von Frankfurt nach Bangkok würde mit 6.268 kg schon das Dreifache dessen verursachen, was rechnerisch pro Jahr und Person möglich ist. (Mehr Berechnungen zum ökologischen Fußabdruck hier) 

Schon dieses Beispiel macht deutlich: Mit technischer Effizienz werden wir da nicht hinkommen. Es wird nötig sein, dass wir vernünftiger und vor allem weniger konsumieren, reisen oder produzieren. Und zwar nicht ein bisschen, sondern drastisch. Ein paar Beispiele von den Dingen, die wir selber in der Hand haben:

Verkehr

Unsere Art zu reisen, verursacht nach wie vor und mit noch immer steigender Tendenz einen großen Teil der Schadstoffe. Beispiel Flugverkehr: Die Zahl der bundesweiten Flugbewegungen steigen paradoxerweise analog zum Umweltbewusstsein der Bevölkerung an. Und noch immer ist es möglich, einen Flug für einen niedrigen zweistelligen Betrag zu bekommen – die Zugfahrt zum Flughafen ist meist teurer. Und noch immer ist eine Flugreise die mit Abstand schädlichste Form der Mobilität, die wir massiv in Frage stellen sollten. Könnte also in etwa so aussehen: Kerosinsteuer, keine Inlandsflüge mehr, Bahn ausbauen und massiv ins Streckennetz investieren, Tempolimit auf Autobahnen und in jedem Wohngebiet genügend Carsharingstellplätze. Und Vorfahrt für Rad und Fußgänger/-innen. Wohlgemerkt – das ist beileibe nicht abschließend und das sind keine alternativen Wahlmöglichkeiten, sondern das ist parallel anzugehen. Und zwar schnell. 

Kleidung
Perverser geht es kaum: Wir produzieren mit hohem Pestizideinsatz Baumwolle vor allem in Asien. Die wird dann mit viel Chemie aufbereitet und unter teilweise „schwierigen“ sozialen Bedingungen in Bangladesch und zunehmend auch in Ländern Afrikas wie Äthiopien zu Kleidung geschneidert. Dann wird sie per Schiff nach Europa transportiert, hängt wenige Wochen im Laden und wird zu einem nennenswerten Teil unverkauft vernichtet. Alternativ wird es über Onlineversandhändler zugeschickt und kommt zu einem nicht unwesentlichen Teil wieder zurück – und wird ebenfalls direkt geschreddert. Die Firmen scheuen sich, die Kleidung an Bedürftige weiterzugeben damit das Markenimage keinen Schaden nimmt. Das Karussell wurde beschleunigt durch den Trend zu immer kürzeren Modezyklen („fast fashion“) und durch Billigketten wie Primark, deren Produkte gar nicht mehr ausgelegt sind, länger getragen zu werden. Die Qualität von gebrauchter Kleidung ist inzwischen so schlecht, dass die gesamte Branche der Textilweiterverarbeitung massive Probleme hat. Die Lösungen liegen auf der Hand: Auch bei der Kleidung müssen wir mehr auf Qualität und auf langfristige Verwendungsmöglichkeiten achten, Second Hand Shops nutzen oder via Upcycling die Materialien einer neuen Nutzung zuführen.

Lebensmittel
Auch hier das gleiche Drama. Beispiel Brot: Wir produzieren aufwendig Getreide – immer noch unter Verwendung von Unkrautvernichtungsmitteln wie Glyphosat. Das Getreide verarbeiten wir aufwendig zu Brot, das dann zu einem viel zu großen Teil gar nicht gegessen, sondern vernichtet wird – entweder weil es in den Schränken schlecht wird oder nicht verkauft und dann sofort als Tierfutter verwendet wird oder in der Biogasanlage vergärt. Der Deutschlandfunk spricht von 49% des Brotes, das gar nicht gegessen wird! Schuld ist unter anderem eine Regelung von Supermärkten, die besagt, dass die Filialbäckereien, die bei den Supermärkten angesiedelt sind über die kompletten Öffnungszeiten das komplette Sortiment vorhalten müssen. Deshalb wird auch spätnachmittags noch aufgefüllt – mit dem Ergebnis, dass wenige Stunden später LKW-weise frische Ware vernichtet werden muss. Andere Gründe sind die mangelhafte Qualität, die frisches Brot oder Brötchen in wenigen Stunden vertrocknen lassen oder auch die hohen Ansprüche der Kunden, die Gebäck mit Makeln zurückweisen. Der Rest der Geschichte ist eigentlich bekannt: Wir sollten die Bewirtschaftungsweise konsequent auf ökologischen Landbau umstellen (sehr anschaulich von Felix von Löwenstein beschrieben, weniger oder kein Fleisch mehr essen, mehr selber kochen, direkt einkaufen und möglichst regionale Zutaten verwenden. Also eigentlich ganz einfach. In Sachen Brot geht zum Beispiel die Bäckerei Schubert in Augsburg neue Wege

Veränderung der Rahmenbedingungen
Auch hier ist der Weg vorgezeichnet: Wir müssen dafür sorgen, dass wir ehrliche Preise bezahlen. Derzeit ist es so, dass diejenigen, die die Folgen ihrer Produktion am erfolgreichsten anderen aufbürden, den besten Preis und den größten Gewinn machen können. Es müsste aber eigentlich genau anders sein: Diejenigen, die soziale Standards einhalten und ökologisch am sinnvollsten produzieren, dürfen nicht die höchsten Kosten haben, sondern müssten zum Beispiel steuerlich entlastet werden. Dies ist in dürren Worten das Prinzip der Gemeinwohlökonomie. Dies würde die Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen. Sagt – nicht nur – Christian Felber.

 

Es gibt also genug zu tun. Fangt einfach mal an. Alle. Schnell!

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Jochen Mack
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